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Das Porträt: Lebensretter Sport

Das Porträt: Lebensretter Sport

Nacer Menezla ist Rollstuhlrugbyspieler bei den TSV Achim Heroes. Ohne den Sport wäre er, der querschnittsgelähmt ist, heute ein ganz anderer Mensch.

Achim. Trikot überstreifen, raus aus dem einen Rollstuhl und rein in den anderen, festschnallen, Gummihandschuhe an, Ball zwischen die Beine klemmen und los geht’s. Hört sich seltsam an, ist für Nacer Menezla aber Routine. Er ist leidenschaftlicher Rollstuhlrugbyspieler, war einst einer von Deutschlands Besten und ist heute Spieler sowie Trainer der Achimer Heroes. Für viele ist Sport nur ein Hobby, für manche der Beruf, für Nacer Menezla ist er noch so viel mehr – allen voran ein Lebensretter.

Nacer ist süchtig nach Sport. Ohne ihn verbringt er keinen Tag seines Lebens, ohne ihn kann er nicht. Zweimal die Woche zieht es ihn nach Achim, wo er die Regionalliga-Mannschaft des TSV Achim Heroes trainiert und auch selbst mitspielt. Einmal die Woche spielt er in Oldenburg Rollstuhlbasketball. Am Wochenende stehen dann teils die Ligaspiele an. Finden kein Vereinstraining und keine Spieltage statt, trainiert Nacer eben alleine. Das braucht er. Das war vorher so und das ist weiterhin so.

Vorher, das war vor 1997. Vor seinem folgenschweren Unfall, der sein Leben auf den Kopf stellen sollte. Nacer wurde in einen Verkehrsunfall verwickelt. Ihm wurde von einem Auto die Vorfahrt genommen, man hatte ihn schlichtweg auf seinem Roller übersehen. Die Schock-Diagnose: Querschnittslähmung. Von der Brust abwärts ist Nacer gelähmt. Zudem hat er eine eingeschränkte Handfunktion: Kraft und Feinmotorik? Fehlanzeige. Er ist bis an sein Lebensende an den Rollstuhl gebunden. Damals war er 22 Jahre alt.

Die erste Zeit nach dem Unfall sei eine unheimlich schwierige gewesen, gibt Nacer unumwunden zu. Niedergeschlagen und mutlos sei er gewesen. Warum er? Warum jetzt? Warum muss es gleich eine Querschnittslähmung sein? Ihn trieben viele dieser Fragen um, sie gingen ihm an die Substanz – im Krankenhaus wie auch daheim. Zu Hause kümmerte sich seine Familie in der Anfangszeit viel um ihn, doch natürlich nicht ewig. Der Alltag kehrte ein, die Familie musste wieder arbeiten – und Nacer? „Da saß ich dann zu Hause und habe gemerkt: Ups, ich bin ja ganz alleine. Was mache ich denn nun?“ Seine Antwort: Sport und unter Leute kommen. „Es ist wichtig, dass einem nicht die Decke auf den Kopf fällt. Macht man das nicht, bekommt man irgendwann psychische Probleme.“

Nacer ging raus, ging unter Leute, kümmerte sich unter anderem darum, dass er ein entsprechend umgerüstetes Auto bekam. Und er ging zum Sport. „Man arbeitet sich langsam wieder ins Leben zurück. Erst die Trainingszeit hat mir dann wieder richtig Spaß und Freude gebracht.“ Es ging wieder aufwärts, Zuversicht kehrte in Nacers Leben zurück. Es ist doch nicht alles so schwarz, wie man denkt. „Für mich war es der Sport, der mich gerettet hat. Er und die Familie waren meine Lebensretter.“ Und der Sport hatte noch einen positiven Nebeneffekt. „Durch ihn befreit man auch die Familie von der Last, dass man im Rollstuhl sitzt. Es beruhigt sie, sie sehen dann: Er sitzt zwar im Rollstuhl, aber er kommt zurecht, er nimmt am Leben teil.“

Nacer erfuhr, was Verlust bedeutet – und das nicht nur in körperlicher Hinsicht. „Man verliert auch den einen oder anderen Freund.“ Es blieben ihm die guten. Und den anderen macht er keinen Vorwurf, dass die Freundschaft nicht andauerte. Nacer weiß, dass sein Unfall nicht nur sein Leben verändert hat, dass nicht nur seine Situation eine schwierige war und ist. Mittlerweile, das muss er zugeben, 

findet er auch für die guten, die gebliebenen Freunde nur noch wenig Zeit. Die wird von Familie und Sport geschluckt.

In puncto Sport veränderte der Unfall alles, auch Nacers Einstellung zum Vereinssport. „Ich war für alles zu haben. Gingen meine Freunde ins Fitnessstudio, ging ich ins Fitnessstudio. Wollten sie Fußball spielen, spielte ich Fußball – oder Basketball, oder Volleyball, egal was.“ Wollte keiner seiner Freunde Sport treiben, drehte Nacer seine Runden um einen See oder malträtierte den in der heimischen Garage hängenden Boxsack. Hauptsache Sport. Doch im Verein, das wollte er nicht. Er machte Sport ausschließlich für sich, Wettkämpfe benötigte er nicht.

Das änderte sich 2000. Nacer lernte per Zufall Rollstuhlrugby kennen. Basketball, Bogenschießen, Boccia, Tischtennis, Elektrostuhl-Hockey, diese Sportarten für Menschen mit Handicap waren ihm bekannt. Den einen Teil davon konnte er nicht ausüben, den anderen Teil bis auf Basketball wollte er nicht ausüben. „Elektrostuhlhockey etwa mochte ich nicht, ich wollte mich selber bewegen, richtig Sport machen.“ Bei einem Lehrgang hatte er dann von Rollstuhlrugby erfahren. Seine Freundin drängte ihn dazu, teilzunehmen. Nacer „gehorchte“ und war nach einem Training bereits „Feuer und Flamme“.

Akribisch und beinahe schon besessen stürzte er sich ins Training. Und er bewies Talent, sehr viel sogar. Ein halbes Jahr später tauchte der Name Nacer Menezla im Kader der deutschen Nationalmannschaft auf. Was folgte waren zwei Teilnahmen an den Paralympics – 2004 in Athen und 2008 in Peking. Von acht Nationen wurde Nacer mit Deutschland jeweils Sechster. Die Teams aus Übersee – Kanada, Neuseeland, USA, Australien und Japan – waren immer zu stark, zu professionell. Im Vergleich zu Deutschland waren und sind die Bedingungen in diesen Ländern einfach besser. Auf europäischer Bühne konnte sich Nacer aber mit Edelmetall schmücken. Zwei Silber- und eine Bronzemedaille zieren heute die heimische Vitrine.

Eine dritte Paralympics-Teilnahme blieb ihm versagt. Seine Mutter erkrankte 2011, und Nacer setzte aufgrund dessen bei der EM im gleichen Jahr aus. Das Ziel, bei den Spielen 2012 in London dabei zu sein, blieb aber. Doch es sollte nicht mehr sein, Deutschland verpasste ohne ihn die Qualifikation. Anschließend erklärte er seine Laufbahn in der Nationalmannschaft für beendet. „Ich hätte nicht mehr an meine Erfolge anknüpfen können“, begründet er seinen Entschluss. Was folgte, war: Nacer ging nach Warschau und spielte in der Champions League Rollstuhlrugby.

Mittlerweile vertreibt der 44-Jährige sich die Zeit zumeist in Achim mit den Heroes. Er ist stolz darauf, wie positiv sich die neunköpfige Truppe entwickelt hat, die erst seit 2017 zusammen ist. „Es ist toll zu sehen, wie alle immer besser werden. Bereits nach meinem Austritt aus der ,Natio’ wollte ich meine Erfahrungen weitergeben.“ Nun tut er das und kann nur jedem, der ein ähnliches Schicksal teilt, empfehlen, es ihm gleich zu tun. „Als Rollstuhlfahrer ist man ein neuer Mensch. Als Sportler lernt man viel dazu, was auch den Alltag betrifft und in ihm hilft, alleine schon beim Umgang mit dem Rollstuhl.“

In der Regionalliga, die niedrigste Kasse Deutschlands, spielen die Achimer Heroes. Das heißt aber nicht, dass sich Nacer Menezla von der großen Bühne des Sports verabschiedet hat. Im April steht in Köln das Bernd-Best-Turnier an, das größte Rollstuhlrugby-Turnier der Welt. Nacer startet dort mit einem Berliner Team, den Agivia Sharks. Das Ziel: natürlich der Titel. Denn Nacer Menezla ist ein ehrgeiziger Mensch, für den der Sport nicht nur ein Hobby ist. Mittlerweile ist er auch nicht mehr „nur“ ein Lebensretter, mittlerweile ist er vor allem Leidenschaft.

(Bericht: Björn Hake)